Wolfhagen – Ein Pionier der Energiewende

Erneuerbare Energien decken bereits 22 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs. In der nordhessischen Stadt Wolfhagen werden es im Jahresmittel 2015 100 Prozent sein. Martin Rühl der Geschäftsführer der Stadtwerke Wolfhagen ist einer der Pioniere auf dem Gebiet erneuerbarer Energien. Er erläuterte auf Einladung des Vereines Erneuerbare Energien für Schotten (EES) die Strategie der Stadtwerke und mögliche Konsequenzen für die Energiewende nach der Novellierung des Erneuerbaren Energiegesetzes (EEG).

Referent Martin Rühl mit der Vereinsvorsitzenden Jutta Kneißel

Referent Martin Rühl mit der Vereinsvorsitzenden Jutta Kneißel

Zunächst referierte der Geschäftsführer einige Fakten. Die Stadtwerke Wolfhagen GmbH versorgen 13.500 Wolfhager Bürger aus 11 Stadtteilen mit Strom, Wasser und Gas sowie 4.500 Fremdnetzkunden mit Strom und teilweise mit Gas. Die Erfolgsstory der Wolfhagener begann 2003 mit dem Beschluss ihrer Stadtverordneten, das Stromnetz von EON zurückzukaufen. Nach drei Jahren war das geschafft. 2008 beschlossen die Stadtverordneten, die Stromversorgung Wolfhagens bis 2015 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien (EE) zu decken. Den Strom erzeugen sie mit einem Mix aus Photovoltaik, Biogas-Anlagen, Kraft-Wärme-Koppelung (KWK) und demnächst vier Windkraft-Anlagen. Dank der EEG-Umlage bauten viele Bürger Photovoltaik auf ihre Dächer. 2012 ging ein 18 ha großer PV-Park der Stadtwerke ans Netz. Heute produzieren 42.000 Solarmodule 40 Prozent des Strombedarfs der Stadt. Das reicht für 3.000 Haushalte. Wenn der gegenwärtig im Bau befindliche Windpark mit vier Anlagen zu je 3 Megawatt Leistung 2015 ans Netz geht haben die Wolfhagener ihr Ziel im Jahresmittel erreicht.

Aufgrund der fluktuierenden Einspeisung ihrer EE-Kraftwerke gibt es jedoch Phasen der Übererzeugung und Untererzeugung von Strom, sodass der reale Energieversorgungsgrad zwischen 40 und 80 Prozent liegt. Über das Jahr rechnet Rühl mit 70 Prozent. Was also tun, wenn die Sonne scheint und der Wind weht und zu viel Strom produziert wird? Wie kann man diesen Strom sinnvoll nutzen? Und was tun, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht? Wie lässt sich Untererzeugung vermeiden und trotzdem die Versorgung der Bürger möglichst preiswert sicherstellen? Die zukünftige Herausforderung bestehe aus einer zeitgleichen Strombedarfsdeckung mit lokal erzeugten erneuerbaren Energien.

Deshalb verfolgen die Wolfhagener mehrere parallele Entwicklungspfade. Sie wollen überschüssigen Strom speichern oder zur Erzeugung anderer Medien nutzen wie Wärme oder Gas das bei Bedarf KWK-Anlagen antreibt. Gleichzeitig beraten die Stadtwerke die Bürger bei Maßnahmen zur Energieeinsparung. Wichtig wäre die Flexibilisierung der Nachfrage in Haushalten, Industrie und Gewerbe durch angebotsabhängige Stromtarife. Wird viel Strom erzeugt, sinkt der Preis. Er steigt, wenn zu wenig produziert wird. Dazu müssen die Abnehmer jedoch aktuelle Informationen über die gerade erzeugte Strommenge bekommen, um eine für sie sinnvolle Nutzungs- oder Vermeidungsoptionen verfolgen zu können. Computergesteuertes Strommanagement sei da gefragt. So könnten bei billigem Strom Waschmaschinen laufen und Elektro-Autos aufgeladen werden. Die Stadtwerke beteiligen sich mit 40 Haushalten an einem Projekt des Bundes-Forschungs-Ministeriums, um dafür Lösungen zu entwickeln.

Ob die Energiewende gelingt, hängt für Rühl von der Beteiligung der Bürger ab. Auf Vorschlag der Stadtverordneten konnten sie sich im Rahmen einer BürgerEnergieGenossenschaft an den Stadtwerken beteiligen. 700 Genossen halten heute 25 Prozent der Anteile. Das sind zehn Prozent der Kunden. Diese Kapitalaufstockung brachte 2,3 Millionen Euro mit denen der neue Windpark finanziert wurde. Zugleich bestimmen sie als Eigentümer mit über den Strompreis und werden wie die Stadt an den Ausschüttungen beteiligt. Das habe so Rühl die Akzeptanz für die erneuerbaren Energien in der Bevölkerung erhöht. Natürlich habe es bei ihnen Windkraftgegner gegeben, die trotz vieler Gespräche und Veranstaltungen nicht zu überzeugen waren. Das sei aber inzwischen eine kleine Minderheit.

Die Energiewende bleibt spannend. Denn örtlich erzeugte Strommengen müssten nicht über weite Strecken transportiert werden. Geschieht dies an vielen Orten, brauche es weniger Stromtrassen quer durch die Republik. Bei der Novellierung des EEG wollte die Politik ein sowohl-als-auch. Eine lokale Energieerzeugung, die das Geld in der Region lasse,  stehe jedoch gegen eine zentralisierte Energieversorgung mit AKWs und Kohlekraftwerken der großen Energiekonzerne Sie hätten die Energiewende verschlafen und kämpften verbissen um einen Markt von 90 Milliarden Euro pro Jahr. Der Widerspruch der Politik sei für Rühl jedoch auf Dauer nicht durchzuhalten. Die EE würden die fossilen Energieträger verdrängen..

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